Im Landgericht Duisburg findet seit einem Monat der Gerichtsprozess gegen die 9 Polizistinnen statt, die an dem Einsatz beteiligt waren, bei dem Ibrahima Barry gestorben ist. Die Polizistinnen stehen aber nicht wegen dem Tod von Ibrahima vor Gericht, sondern wegen schwerer Körperverletzung.
Der Grund der Anklage führt dazu, dass es überhaupt unmöglich ist, im Gerichtsprozess den Tod von Ibrahima aufzuklären. Es wird darüber gesprochen, welche angeblichen Vorerkrankungen Ibrahima hatte, es wird darüber diskutiert, ob Ibrahima überhaupt Schmerzen empfunden hätte, es wurde z.B. auch darüber gesprochen, wie gefährlich Ibrahimas angebliches Beißen zweier Polizist*innen gewesen sei. Es geht um alles Mögliche, aber nicht um Ibrahimas Tod.
Diese ganzen Diskussionen sind tief rassistisch. Wir kann überhaupt in Frage gestellt werden, ob eine Person, die durch Polizeigewalt gestorben ist, überhaupt Schmerzen empfunden hat? Dass es unvorstellbar für dieses Gericht, die Polizistinnen und ihre Verteidigerinnen ist, dass Ibrahima Schmerzen gehabt hat, sagt schon alles darüber, was sie über Ibrahima denken und wie dieser Gerichtsprozess läuft.
Es gibt im Fall von Ibrahima keine Waffen. Er war unbewaffnet. Dass es “Waffen” gegeben habe, benutzen Polizistinnen und dann Gerichte oft, um zu begründen, es sei verständlich gewesen, dass Polizistinnen jemanden getötet haben. Jetzt wird diskutiert, dass Ibrahimas angebliches Beißen zweier Polizist*innen sehr gefährlich gewesen seien. Dass Ibrahima allgemein gefährlich gewesen sei. Sie sprechen also von Gefährlichkeit, auch wenn es keine Waffen gibt. Das zeigt, dass es nie darum geht, ob es eine Waffe gibt oder nicht.
Für ihr rassistisches Weltbild braucht es keine Waffen. Sie sehen Schwarze Menschen als Waffen. Sie sprechen über Ibrahimas Zähne als wären sie Waffen. Sie wollen uns eigentlich sagen, dass Schwarze Menschen von sich aus gefährlich seien oder mindestens, dass es verständlich ist, wenn das jemand denkt. Schwarze Menschen sind keine Waffen. Polizist*innen sind mit mehreren Waffen unterwegs und fixieren Menschen bis zum Tod.
Es geht nicht darum zu beweisen, dass Ibrahima unschuldig war, dass er ein guter Mensch war oder nicht. Ibrahima ist nicht angeklagt, sondern die Polizistinnen. Es geht darum endlich darüber zu sprechen, dass Polizistinnen Menschen in Bauchlage fixieren und ihnen den Atem abschneiden. Das passierte nicht zum ersten Mal, Ibrahima ist auch nicht die letzte Person, der das angetan wurde. Erst vor ein paar Tagen ist schon wieder eine Person durch diese Fixierung gestorben, in Duisburg.
Wir sagen Gerechtigkeit für Ibrahima und damit meinen wir auch ein Ende dieser tödlichen Fixierung. Man kann natürlich über Vorerkrankungen von Menschen sprechen, aber die Wahrheit ist, dass der einzige Faktor, der entscheidend ist, wenn Menschen durch die Fixierung in Bauchlage sterben, ist: dass sie von der Polizei fixiert worden sind. Dass sie getasert wurden, dass sie geschlagen wurden. Die Polizei ist die Waffe.
Menschen sind immer wieder krank, aber sie kollabieren nicht einfach. Die absolute Unverschämtheit eines Journalisten, zu behaupten, dass Ibrahima zufälligerweise schon vor dem Angriff der Polizist*innen einen Herzinfarkt gehabt habe; an demselben Tag, etwas vor dem Polizeieinsatz, dass er also quasi schon Tod gewesen sei vor dem Polizeieinsatz, ist Teil der rassistischen Narrative, die die die Polizei aus der Verantwortung für rassistische Polizeigewalt ziehen will. Wie viele zufällige Herzinfarkte hätte es schon gegeben, in allen den Fällen, wo Menschen durch die Polizei in Bauchlage gefesselt und/oder getasert wurden? Ibrahima hatte einen Herzinfarkt, weil er getasert und in Bauchlage gefesselt wurde. Wäre die Polizei nicht gekommen, wäre Ibrahima noch am leben.
Wir sagen Gerechtigkeit für Ibrahima und damit meinen wir: Ende der tödlichen Praxis der Fixierung in Bauchlage, Ende der Taserangriffe, ein Ende des Mangels an Aufklärung von Seiten der Staatsanwaltschaft und des Gerichts, ein Ende der unwissenschaftlichen Haltung der Rechtsmedizin, Verantwortungsübernahme der Sanitäter*innen. Wir sagen Gerechtigkeit für Ibrahima, weil er kein Einzelfall ist. Es kann nicht sein, dass es keine Interesse daran gibt, zu untersuchen, ob es tatsächlich in der Polizei eine Praxis gibt, die tödlich ist und die Raum für rassistische Inkaufnahme von Tod schafft.
Es muss sich endlich etwas ändern. Alle Opfer von rassistische Polizeigewalt sind die Geschwister, das Kind, der Freund von jemandem und deren Leben sind wichtig. Wenn man das nicht sehen kann, dann hat man keine Interesse an Gerechtigkeit. Das, was gerade in Duisburg passiert, ist das, was immer wieder in Fällen von rassistischer Polizeigewalt passiert: keine Aufklärung, keine Verantwortungsübernahme. Es ist ein Theater und wir sagen: es reicht.
Justice for Ibrahima. No justice, no peace!