Solidaritätskreis Justice For Ibrahima Barry
Pressemitteilung, 22. Juni 2026
Aufklärung, Konsequenzen, Gerechtigkeit: Anstehender Strafprozess gegen 9 Polizist:innen am Landgericht Duisburg im Fall Ibrahima Barry
Mahnwache und Kundgebung zum Prozessbeginn am Mittwoch, den 24. Juni 2026
In Anwesenheit der Eltern und Schwester von Ibrahima Barry beginnt am 24.06.2026 um 09:00 Uhr am Landgericht Duisburg der Gerichtsprozess gegen die 9 Polizist:innen, die an dem Einsatz beteiligt waren, im Zuge dessen Ibrahima Barry am 06.01.2024 gestorben ist. Aus diesem Anlass organisiert der Solidaritätskreis Justice For Ibrahima an dem Tageine Mahnwache und eine Kundgebung. Die Mahnwache findet ab 09 Uhr vor dem Landgericht Duisburg statt; die Kundgebung ab 17 Uhr auf dem König-Heinrich-Platz.
Vor über zwei Jahren, am 06. Januar 2024, wurde Ibrahima Barry bei einem Polizeieinsatz in einer Geflüchtetenunterkunft in Mülheim an der Ruhr getötet. Zweimal wurde auf ihn mit einer Elektroschockpistole (Taser) geschossen, anschließend wurde Ibrahima Barry in Bauchlage auf dem Boden gefesselt. Die Staatsanwaltschaft Duisburg sieht die Todesursache in einem »Kombinationsgeschehen aus lagebedingtem Erstickungstod und einem frischen Herzinfarkt«. Angeklagt wurde allerdings nur eine gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung im Amt, nicht der Tod von Ibrahima Barry. Die Verantwortung für den Tod liegt laut Anklage also entweder auch bei den beteiligten Polizist:innen, ist aber nicht verhandlungswürdig, oder Ibrahima wäre gemäß der Staatsanwaltschaft auch gestorben, wenn es an dem Tag keinen Polizeieinsatz gegeben hätte.
Der Solidaritätskreis Justice For Ibrahima unterstützt die Familie Barry seit dem Tod in ihrer Forderung nach Gerechtigkeit und einer lückenlosen Aufklärung der Umstände des Todes von Ibrahima Barry. Die Eltern und Schwester von Ibrahima Barry beteiligen sich an dem Gerichtsprozess mit einer Nebenklage und sind in Deutschland rechtlich vertreten. Sie reisen aus Guinea nach Deutschland, um am Gerichtsprozess teilzunehmen.
Während Fatoumata Binta, der Mutter, und Harouna, dem Vater, ein Visum zur Teilnahme am Gerichtsprozess ausgestellt wurde, wurde Dardaye, der Schwester, das Visum zuerst verwehrt. Nach einer Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland, die Dardaye mit Hilfe einer Anwältin gemacht hat, einer Petition an den Deutschen Bundestag durch den Solidaritätskreis sowie einer Kontaktaufnahme mit der guineischen Botschaft in Deutschland wurde ihr das Visum doch ausgestellt. Trotz dem Mangel an Unterstützung von Seiten der deutschen Behörden werden Dardaye und ihre Eltern zum Gerichtsprozess nach Deutschland kommen.
14 Monate nach dem Tod, im März 2025, erhob die Staatsanwaltschaft Duisburg Anklage gegen neun Polizist:innen. Weitere 15 Monate später beginnt nun der Prozess vor dem Landgericht Duisburg. Dass die Anklage nicht den Tod von Ibrahima Barry miteinschließt, sorgt weiter für Unverständnis. Für den Solidaritätskreis ist klar, Ibrahima Barry wäre noch am Leben, hätte es diesen Polizeieinsatz nicht gegeben.
Der Solidaritätskreis sieht Ibrahima Barrys Tod in Kontinuität mit den zahlreichen anderen Todesfällen im Zuge von Polizeieinsätzen in Deutschland, von denen vor allem Migrant:innen, Schwarze Menschen, People of Color und Personen in psychischen Ausnahmesituationen betroffen sind. So etwa im Fall von Mouhamed Lamine Dramé in Dortmund, wo alle beteiligten Polizist:innen vom Landgericht Dortmund freigesprochen wurden. Das hat deutschlandweit Menschen schockiert. Der Solidaritätskreis fordert lückenlose und öffentliche Aufklärung des Todes von Ibrahima Barry und Konsequenzen für rassistische, tödliche Polizeigewalt.
Solidaritätskreis Justice For Ibrahima:
Wir betrachten den Beginn des Gerichtsprozess aus einer kritischen Perspektive, unter anderem aus diesen zwei Gründen. Erstens, es geht in der Anklage gar nicht um den Tod von Ibrahima. Wie kann es sein, dass die Polizist:innen nicht für den Tod von Ibrahima vor Gericht stehen? Ibrahima wurde zweimal getasert und entmenschlichend am Boden gefesselt, sodass er gestorben ist. Die offizielle Todesursache lautet „lagebedingter Erstickungstod in Kombination mit einem frischen Herzinfarkt“. Ibrahima wurde von den Polizist:innen in eine Position gebracht, von der bekannt ist, dass sie tödlich ist. Zweitens, wie kann es überhaupt in diesem Prozess um Gerechtigkeit gehen, wenn die Bedürfnisse der Betroffenen nicht mitbeachtet werden? Wir halten es für absolut respektlos, dass der Familie Barry nicht einfach Visa für die Teilnahme am Prozess ausgestellt werden und für ihren Aufenthalt gesorgt wird. Die deutschen Behörden haben Ibrahimas Schwester sogar zuerst das Visum verwehrt. In dem Prozess geht es darum, dass Ibrahima, ihr Sohn und Bruder, im Zuge eines Polizeieinsatzes in der Bundesrepublik Deutschland gestorben ist. Das sollte Grund genug sein, dass es in der Verantwortung des deutschen Staates liegt, der Familie die Teilnahme an dem Prozess zu ermöglichen.“
Michèle Winkler vom Komitee für Grundrechte und Demokratie e.V.:
Wir beschäftigen uns seit vielen Jahren aus menschenrechtlicher Perspektive mit Todesfällen in Folge polizeilicher Gewaltanwendung. Bisher müssen wir konstatieren, dass Anklagen und Strafprozesse nicht dazu beitragen, die systemischen Probleme anzugehen, die diesen staatlich verantworteten Todesfällen zugrunde liegen. Vielmehr funktionieren sie oft als Legitimierung der Gewaltanwendung. Insofern gehen wir mit großer Vorsicht in diesen Prozess.“
Anlässlich des Prozessbeginns fordert der Solidaritätskreis Justice For Ibrahima:
- eine Anklage der 9 Polizist:innen für den Tod von Ibrahima Barry. Generell, Konsequenzen für rassistische, tödliche Polizeigewalt.
- für die Angehörigen eine qualitativ hochwertige und dauerhafte Übersetzung aller Dokumente aus dem Strafverfahren sowie eine konsequente Verdolmetschung des gesamten Strafprozesses.
- eine selbstverständliche und unbürokratische Verlängerung der Visa für die Familie Barry, sollte der Gerichtsprozess länger als ursprünglich angesetzt dauern.
- Rückerstattung aller Kosten, die der Familie Barry durch die Teilnahme am Prozess entstanden sind und entstehen werden.
- eine lückenlose Aufklärung.
Pressekontakt:
Solidaritätskreis Justice For Ibrahima
justice4ibrahima (at) proton.me
https://justice4ibrahimabarry.noblogs.org/
https://www.instagram.com/solikreis_justiceforibrahima/
Hintergrund zum anstehenden Strafprozess:
Die Staatsanwaltschaft Duisburg hat im März 2025 Anklage gegen neun Polizeibeamt:innen erhoben wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung im Amt. Das Landgericht Duisburg hat die Anklage im Oktober 2025 zur Hauptverhandlung zugelassen und das Hauptverfahren vor dem Amtsgericht Mülheim an der Ruhr eröffnet. Gegen diese Entscheidung haben sowohl die Staatsanwaltschaft Duisburg als auch die Nebenklagevertreter:innen der Familie Barry erfolgreich Rechtsmittel eingelegt. Der erste Termin ist am 24.06.2026, 9:00 Uhr, in Saal 157 des Landgerichts. Fortgesetzt wird die Hauptverhandlung am 07.07, 09.07, 14.07, 17.07, 05.08, 07.08, 25.08, 27.08, 02.09, 07.09 und 09.09 jeweils ab 9:00 Uhr.
Hintergrund zum Solidaritätskreis Justice For Ibrahima:
Der Solidaritätskreis Justice For Ibrahima Barry hat sich direkt nach dem Tod von Ibrahima Barry durch einen Polizeieinsatz in Mülheim an der Ruhr im Januar 2024 gegründet. Der Solidaritätskreis fordert eine umfassende Aufklärung der Umstände des Todes des jungen Geflüchteten. Er setzt sich für Gerechtigkeit für Ibrahima Barry ein. Er schafft Öffentlichkeit und sammelt Spenden für die Angehörigen und deren praktische wie juristische Unterstützung. Der Solidaritätskreis steht im engen Kontakt mit den Angehörigen von Ibrahima Barry in Guinea und unterstützt sie in ihren praktischen und juristischen Angelegenheiten.