Wir begrüßen euch Dardaye, Fatoumata Binta, Harouna und bedanken uns sehr für euren Vertrauen und eure Stärke. Wir bedanken uns bei David, dem Cousin von Ibrahima, für die ganze Arbeit, die er gemacht hast, damit seine Familie hier sein kann. Es ist ein schrecklicher Grund, der uns zusammenbringt. Aber wir sind heute bei euch, damit das keiner anderen Familie wieder passiert. Wir können uns nicht vorstellen, wie groß eurer Schmerz ist, wir hoffen euch in dem Kampf für Gerechtigkeit für Ibrahima helfen zu können. Wir trauen um Ibrahima. Er hätte nicht sterben müssen.
Ibrahima war das Kind von Fatoumata Binta und Harouna. Ein junger Mensch mit dem Wunsch, seine Familie in Guinea finanziell zu unterstützen. Er hat sein Leben auf der Flucht über das Mittelmehr riskiert, um nach Deutschland zu kommen. Er hatte einen Asylantrag gestellt, der abgelehnt wurde, seine ganze Zeit in Deutschland war er von Abschiebung bedroht. Er hat immer wieder versucht, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, die ihm immer wieder verwehrt wurde. Wie er gesagt hat: er wollte nur arbeiten können, dann wäre für ihn alles gut. Er war aber depressiv, die Fluchterfahrung war zu schwer für ihn. Ohne Arbeit, von Abschiebung bedroht, ohne Geld. Er wurde von einer Geflüchteteunterkunft zu der nächsten geschickt. In einem Lebensregime, das er sich nicht aussuchen konnte: Eingangs-und Ausgangskontrollen als Alltag in der Geflüchtetenunterkunft. Und kein Verständnis für seine schwierige Situation. Ibrahima hat trotzdem Freunde gemacht. Freunde, die in Mülheim an ihn denken und ihn vermissen. Er hatte seine Eltern, mit den er konstant in Kontakt war. Und seine Geschwister: Dardaye und Boubacar.
Am 06.01.24 war das Leben von Ibrahima diesen Polizist*innen egal. Sie hatten eine Aufgabe. Die Aufgabe, Ibrahima zu fesseln. Ibrahima war aber an dem Tag in einer psychischen Ausnahmesituation. Niemand spricht über Rassismus in der Anklage gegen die 9 Polizist*innen. Was passiert, damit ein Mensch, der eigentlich Unterstützung braucht, nicht so gesehen werden kann? Die Polizei hat nicht versucht ihm zu helfen, sie haben die Situation völlig eskaliert. Ein junger Mensch, unbewaffnet, ist durch die Handlungen der Polizei gestorben. Ibrahima ist gestorben, weil der Rassismus der Polizei es nicht möglich macht, Menschen in psychischen Ausnahmesituationen als Menschen zu sehen. Wie kann es sein, dass die Polizist*innen nicht für den Tod von Ibrahima vor Gericht stehen? Was muss passieren, damit es endlich Konsequenzen für rassistische tödliche Polizeigewalt gibt? Es muss endlich anerkannt werden: die Fesselung in Bauchlage ist tödlich. Es ist eine Form in der die Polizei tötet und dann immer wieder davonkommt. Das sagen wir hier und heute nicht zum ersten Mal. Das sagen seit so vielen Jahren betroffen Menschen und Angehörigen, von Menschen, die dadurch gestorben sind. Diese Praktik muss aufhören.
Wie kann es sein, dass die Taser keine Rolle in der Anklage spielen? Taser sind tödliche Elektroschock-Pistolen und sollten allgemein verboten werden. Sie sind nicht, wie das Unternehmen, das sie herstellt und die Polizei sagt “nicht tödlich” oder “wenig tödlich”, sie töten vor allem Schwarze Menschen, People of Color und Menschen in psychische Ausnahmesituationen. Wie kann es sein, dass nicht deutlich ist, dass Ibrahima durch die Taser, durch die Fesselung in Bauchlage und möglicherweise andere Gewalt, die ihm angetan wurde, gestorben ist? Niemand stirbt einfach plötzlich, nachdem sie attackiert wurden! Ibrahima wäre nicht gestorben, wäre die Polizei nicht gekommen.
Und noch dazu ist das Verhalten der Staatsanwaltschaft und aller anderen deutschen staatlichen Institutionen von Anfang absolut respektlos gegenüber die Familie Barry. Niemand sagt ihnen überhaupt, dass ihr Sohn gestorben ist, dass sie überhaupt davon wissen, dass ist der Erfolg der Schwarzen Community in Mülheim an der Ruhr. Niemand erklärt ihnen, dass sie das Recht haben sich als Nebenklage am Prozess zu beteiligen. Kein Dokument wird in ihre Sprache übersetzt. Die Aktenansicht für ihre rechtliche Vertretung wird verzögert, sodass sie nur zufälligerweise über die Anklage erfahren. Die Identität der Familie wird in Frage gestellt. Niemand, keine deutsche Behörde, kümmert sich finanziell noch organisatorisch um ihre Anreise und Visa, damit sie beim Prozess anwesend sein können. Ibrahimas Schwester wird sogar das Visum verwehrt und nur auf öffentlichen Druck und eine Klage wird reagiert. Als ob es nicht genug wäre, dass sie ihren Sohn und Bruder getötet haben.
Und dann die Anklage: ohne Todesfolge. Ibrahima ist an dem Tag gestorben und die Polizist*innen müssen dafür zur Verantwortung gebracht werden. Und darüber hinaus, es braucht einfach die Anerkennung der riesigen Verletzung, die dieser Familie angetan wurde. Es braucht Unterstützung für Menschen in psyschichen Ausnahmesituationen–anstatt Gewalt. Bleiberecht und Arbeitserlaubnis für geflüchtete Menschen. Es braucht ökonomische und soziale Unterstützung für Geflüchtete und ein Ende von Racial Profiling und anderen Formen der rassistischen Gewalt der Polizei.
Gerechtigkeit für Ibrahima beutet: Gerechtigkeit für die Familie Barry. Gerechtigkeit für Ibrahima bedeutet: Anerkennung des tödlichen Vorgehens der Polizei. Es bedeutet über Rassismus im Gericht zu sprechen. Eine lückenlose Aufklärung. Es bedeutet ein Ende von Tasern, ein Ende von Fesselungen in Bauchlage, ein Ende von rassistischer Polizeigewalt. Es bedeutet, dass die Betroffene gehört werden. Gerechtigkeit für Ibrahima bedeutet, dass wir an ihn gedenken und sein Name in der Öffentlichkeit aussprechen. Und dass keine Mama, kein Papa, keine Geschwister, keine Freunde wieder das erfahren müssen, was die Familie Barry durchmacht.
Justice for Ibrahima! No Justice, No peace! Justice pour Ibrahim!